Interview mit Frau Dr. Barbara Weitkus zum Thema Borreliose

Blankenburg/Berlin. Das Deutsche Chroniker Labor im Interview mit der Berliner Ärztin Dr. Barbara Weitkus zum Thema Borreliose, Borreliose-Test und die Behandlung der Infektion:

Sie sind eine der wenigen Ärztinnen in Deutschland, die als Schwerpunkt die Behandlung von Kindern mit Verdacht auf Borreliose gewählt hat. Inzwischen behandeln Sie auch erwachsene Patienten. Wie sind Sie dazu gekommen, das schwierige Gebiet der Borreliose als Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit zu wählen?

1989 erkranke mein älterer Sohn an Borreliose. Es dauerte 1 Jahr bis die Ursache erkannt und eine Behandlung mit Penicillin G intravenös vorgenommen wurde. Nach dieser 14 tägigen intravenösen Therapie erholt er sich zunächst. In den darauf folgenden 10 Jahren entwickelten sich systematisch weitere vielfältige Symptome. Ich ahnte damals nicht, dass sie als Folge der Borreliose zu werten waren, unter anderem auch deshalb, weil die Serologie (Laborbefunde) unauffällig waren.

 2003 erkrankte mein zweiter Sohn. Bei dem Erguss im Kniegelenk wurde die Diagnose Borreliose sofort in Betracht gezogen. Die Therapie erfolgte jedoch unterdosiert und ebenfalls nur 14 Tage. Vier Wochen später war das andere Kniegelenk betroffen. Ich stellte nun fest, dass weder die Diagnostik noch die Therapie bisher ausreichend waren und dass die in Deutschland übliche leitliniengerechte Diagnostik und Therapie absolut nicht dazu angetan war, positive Ergebnisse zu erzielen.

Meine Initiative führte mich zu ILADS, zur Deutschen-Borreliose-Gesellschaft, den Selbsthilfegruppen und internationaler Literatur. Nachdem es mir gelungen war, mich und meine Familie erfolgreich zu behandeln, wollte ich es nicht dabei belassen. Ich wurde Mitglied der o. g. Gesellschaften und habe in den zurückliegenden 10 Jahren 250 Kinder mit chronisch persistierender Borreliose größtenteils erfolgreich behandelt.

Die meisten Ärzte behandeln eine Borreliose strikt nach den Leitlinien und nur dann, wenn sie vom Laboratorium eine Bestätigung ihres Verdachts erhalten. Sind diese Laborergebnisse Ihrer Meinung nach zuverlässig?

Meine Erfahrungen mit den in Deutschland üblichen leitliniengerechten Laboruntersu-chungen und Behandlungsrichtlinien sind negativ. Die Diagnose ist in erster Linie eine Klinische, d. h. an den Symptomen und Untersuchungsergebnissen orientierte Diagnose.

Laborbefunde dienen zur weiteren Objektivierung, dürfen aber nicht zur Verweigerung einer notwendigen Behandlung führen.

Die meisten Labore verwenden ungeeignete Antigene, die nicht alle Borrelienspezies er-fassen. Die Ergebnisse schwanken von Labor zu Labor. Bei negativem einfachen Antikör-persuchtest wird in der Regel kein Westernblot veranlasst. Es handelt sich demzufolge um äußerst unzuverlässige Befunde. Die Interpretation vieler Labore „Seronarbe“, „zu-rückliegende Infektion ohne therapeutische Konsequenzen“, ist irreführend und hat für die Patienten zur Folge, dass sie oft trotz ihrer Symptome nicht behandelt werden.

Nach den Leitlinien ist eine Borrelien-Infektion nach einer ca. 2 - 3 wöchigen antibiotischen Therapie ausgeheilt. In schwierigen Fällen sollte die Therapie um eine Woche verlängert werden. Zugleich wird behauptet, dass die empfohlenen serologischen Tests nicht zur Kontrolle des Therapieerfolges geeignet sind. Woher wissen Sie unter diesen Voraussetzungen, wie lange Sie den betroffenen Patienten therapieren müssen?

Die in Deutschland übliche leitliniengerechte Therapie (14 Tage höchsten 4 Wochen) bei später Manifestation intravenös (ebenfalls 14 Tage) ist nicht ausreichend. Die chronisch persistierende Borreliose erfordert eine langfristige hochdosierte Antibiotika-Therapie mit Begleitmedikation, oft auch Antibiotikakombinationen. Die Therapie muss für jeden Pati-enten entsprechend der Chronifizierung und dem Erregerspektrum individuell zusammen-gestellt werden.

Die Dauer der Therapie hängt ab

  • von der Chronifizierung der Infektion, eine Infektion die u. U. 10 oder 20 Jahre zu-rückliegt, muss dementsprechend lange behandelt werden
  • auch akute Infektionen behandle ich bis die Symptome abgeklungen sind
  • vom Erregerspektrum, je mehr Erreger an der Infektion beteiligt sind, desto länger und intensiver (Wechsel der Antibiotika) erstreckt sich die Therapie.

Mit der neuen Generation der serologischen Tests (ELISA`s und Linienblots mit Antigenen zum Nachweis von mehreren Borrelienarten) ist scheinbar ein großer Fortschritt im Vergleich zur vorangegangenen Testgeneration gelungen. Können Sie aus Ihrer Praxis erkennen, dass die Diagnostik zuverlässiger geworden ist?

Bezüglich der serologischen Tests sind Fortschritte erzielt worden. Leider finden in den üblichen Laboren umfangreiche, alle Spezies erfassende Antigene keine Anwendung, so dass die Diagnostik mit erheblichen Mängeln behaftet ist. Es gibt keine Standardisierung, man kann die Ergebnisse verschiedener Labore von ein und demselben Patienten nicht miteinander vergleichen.

Sie haben Erfahrungen mit der Labordiagnostik des Deutschen Chroniker Labors gesammelt. Dieses Laboratorium setzt zum Nachweis einer Borrelien-Infektion Tests ein, die von den Leitlinien empfohlen werden, gestaltet jedoch den Umfang der Untersuchungen individuell. Können Sie in der Aussagekraft dieser extrem aufwendigen Testkombination des DCL (18 Einzeluntersuchungen) Vorteile gegen-über der Stufendiagnostik erkennen? Oder ist der Aufwand Ihrer Meinung nach nicht gerechtfertigt?

Das deutsche Chroniker Labor verwendet aussagefähigere Methoden und ein wesentlich umfangreicheres Antigenspektrum als andere Labore. Die Ergebnisse sind deshalb weit-aus besser, als sonst üblich.

Viele Ihrer Patienten berichten von einer jahrelangen Krankheitsgeschichte mit nicht bestätigtem Verdacht einer Borreliose. Oft werden diese ungeklärten Symp-tome auf eine psychische Störung zurückgeführt. Bei einem Großteil dieser Patienten stellen Sie den klinischen Verdacht  einer Borreliose fest. Obwohl Sie wissen, dass diese Patienten schon einen negativen Borrelien-Test vorweisen können, lassen Sie eine serologische Untersuchung im DCL durchführen. Erwarten Sie hier andere Ergebnisse? Können Sie abschätzen, wie hoch die Übereinstimmung Ihres klinischen Verdachts mit den Laborbefunden des DCL ist?

Die infektologische Diagnostik des Deutschen Chroniker Labors zeigt deutlich bessere Ergebnisse, als die anderer Labore. Diese Ergebnisse zeigen in der Regel auch eine hohe Übereinstimmung mit der klinischen Symptomatik des Patienten.

Nach welchen Kriterien beurteilen Sie Ihre Therapieerfolge? Können Sie auch hier auf die Serologie des DCL zurückgreifen?

Den Therapieerfolg erkenne ich in erster Linie am Verschwinden der Symptome. Vier Wo-chen Symptomfreiheit sind für mich das Kriterium die Therapie zu beenden. Die Patienten führen ein Symptomtagebuch. Wenn auch die Laborergebnisse des DCL einen Rückgang bzw. Normalisierung der Befunde erkennen lassen, ist es perfekt.

Sie haben kürzlich einen dreijährigen Jungen therapiert, bei dem das DCL zwei Wochen nach einem Zeckenstich serologisch eine frische Borrelien-Infektion feststellen konnte. Obwohl einige Tage später eine Wanderröte beobachtet wurde, die den Befund des DCL bestätigte, hat die zuständige Kinderärztin nur widerwillig eine Therapie nach den Leitlinien eingeleitet, weil ihr Laboratorium eine Borrelien-Infektion nicht nachweisen konnte. Nach Abschluss der Therapie hat das DCL fest-gestellt, dass die Infektion noch nicht bekämpft wurde. Sie haben dann die weitere Therapie übernommen. Kann es sein, dass die erste Therapie nicht erfolgreich war? Wie können Sie sich diesen Verlauf erklären?

Das letztgenannte Beispiel belegt einen solch positiven Verlauf. Die von mir eingeleitete konsequente langfristigere Antibiotikatherapie führte schließlich zum Behandlungserfolg, der sich dann auch in den Laborergebnissen wiederspiegelte.


 Über Frau Dr. Barbara Weitkus

Dr. WeitkusFrau Dr. Weitkus studierte von 1963 bis 1969 Medizin an der Medizini-schen Akademie Magdeburg und der Humboldt Universität Berlin. 1975 schloss sie ihre zusätzliche Facharz-tausbildung zur Kinderärztin ab. Sie war unter anderem im Referat Reha-bilitation des Magistrats von Berlin tätig sowie als leitende als leitende Jugendärztin in Berlin Mitte, als ärztli-che Direktorin im Kinderheim Maka-renko und als stellvertretende Stadt-bezirksärztin in Berlin Weißensee tätig.

2003 qualifizierte und spezialisierte sich Frau Dr. Weitkus auf dem Gebiet der (chronischen) Borreliose und begleitender Infektionen. Sie ist lang-jähriges Mitglied der Deutschen Borreliosegesellschaft und hat an der Erarbeitung der Behandlungsempfehlungen der Deutschen Borreliosegesellschaft mitgearbeitet. Ebenso hat sie zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge zum Thema Borreliose und Co-Infektionen verfasst und gehalten. Seit dem hat Frau Dr. Weitkus mehrere Hundert Patienten mit chronischer Borreliose, sowohl Kinder, Jugendliche und Erwachsene, behandelt.

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