Borreliose-Erfahrungsbericht von Cornelia B.: Neuroborreliose durch Zeckenstiche zerstörte ihre Opernkarriere
„Mit ihrer wundervollen Stimme stand Cornelia Boldt vor einer großen Karriere. Doch Zeckenstiche zerstörten sie. Seit 21 Jahren leidet die Opernsängerin an einer Neuroborreliose – mit fürchterlichen gesundheitlichen Folgen. Erst vor kurzem stieß sie auf wirksame Therapien.“ Um diese fortzusetzen, sammelt sie Spenden. Denn ihre Krankenkasse zahlt nicht.
„Immer schon wollte ich Menschen berühren mit meinem Gesang“, sagt Cornelia. Mit ihrer großartigen Stimme fiel ihr das leicht. Dafür erntete die gebürtige Berlinerin reichlich Anerkennung. „Als Sängerin stand ich kurz vor dem Durchbruch. Ich trat an mehreren Opernhäusern auf und wollte meine erste Platte rausbringen.“ Bei Universal, weltweit Marktführer im Musikgeschäft, winkte ihr ein Vertrag. Auch als Synchronsprecherin war sie erfolgreich.
Das war 2003. Doch in jedem Jahr begann eine Tragödie, die Cornelias Karriere zerstörte – und ihre Gesundheit, jegliche Lebensqualität.
Damals reiste sie nach Australien, um Konzerte zu geben. Bei dieser Gelegenheit besuchte sie einen Freund, der dort auf 30 Hektar Permakultur betrieb. Ein paar Tage half Cornelia ihm dabei, Avocadobäume von Unkraut zu befreien. Dabei erlitt sie – nein, es folgt kein Tippfehler – über 50 (!) Zeckenstiche.
„Zwei Tage später entwickelten sich ständiges Kopfweh und Grippesymptome“. So erinnert sie sich, „gefolgt von starken Nervenschmerzen, einem Gefühl des ‚Ameisenlaufens‘. Sowie Taubheit in Füßen, Beinen, Armen und Händen.“
Nach Deutschland zurückgekehrt, suchte Cornelia ein Tropeninstitut auf. Dort fanden Mediziner aber keine Ursache für ihre Symptome. Unfassbar.
Nun begann eine unsägliche Odyssee kreuz und quer durch das Gesundheitswesen, voller Fehldiagnosen und Behandlungsfehler. „Verzweifelt sucht ich nach Hilfe, aber niemand war wirklich bereit dazu.“ Das sei wohl etwas Psychosomatisches, so bekam sie öfters zu hören. Zunehmend verschlechtere sich ihr Zustand. „Alle zwei Wochen litt ich unter so starken Grippesymptomen, dass ich das Haus nicht mehr verlassen konnte. Ständige Zitteranfälle traten auf, ich verlor die Kontrolle über meinen Körper.“
Sechs Jahre lang blieb Cornelia im Unklaren, was mit ihr los war. Erst 2009 stellte ein Berliner Arzt die richtige, von Anfang an naheliegende Diagnose: Neuroborreliose, ausgelöst von Bakterien des Typs Borrelia burgdorferi, die von Zecken übertragen werden.
Statt Hilfe: Fehldiagnosen und Behandlungsfehler, Gleichgültigkeit und Inkompetenz
Daraufhin hätte der Arzt ihr auf der Stelle Antibiotika verschreiben müssen – schon unmittelbar nach den Zeckenstichen wären sie dringend nötig gewesen. Doch er unterließ es. Zu jenem Zeitpunkt war Cornelias Verfassung alarmierend: „hohe Entzündungswerte, Stimmverlust, verdrehtes und gelähmtes Auge, Unfähigkeit zu gehen, ausgeprägter Schwindel.“ Sie wurde vollständig bettlägerig. Die Sehkraft ihres linken Auges verringerte sich auf 4 Prozent. Schließlich erblindete sie völlig.
Nun suchte Cornelia mehrere Heilpraktiker auf. Die meisten verabreichten ihr lediglich Heilkräuter und Vitamine. Mehr sei gar nicht nötig, meinte einer – den Rest werde bestimmt ihr Immunsystem erledigen. Ein anderer konzentrierte sich auf ihre Mitochondrien; sobald die Zellkraftwerke funktionieren, werde die Borreliose von alleine verschwinden, so versicherte er ihr.
Ein Berliner Arzt empfahl tägliche Colon-Hydro-Behandlungen – mindestens zehn-, ohne die seines Erachtens eine Besserung unmöglich sei. (Während der Patient liegt, wird ihm dabei in den After ein Kunststoffröhrchen geschoben, durch welches warmes Wasser in den Darm fließt. Der Darminhalt löst sich, manchmal unterstützt durch eine Bauchmassage, und fließt durch einen Schlauch ab.) „Nach der siebten Anwendung in seiner Praxis erlitt ich durch diese Behandlungen eine Lungenentzündung und brach zusammen. Daraufhin deutete der Arzt an, dass bei mir wohl psychische Gründe vorlägen.“
In einer Fachklinik für Borreliosefälle bestätigten zahlreiche Bluttests erneut eine massive Neuroborreliose – trotzdem weigerten sich die dortigen Ärzte, Antibiotika zu verschreiben.
In ihrer Not fuhr Cornelia 2016 zu einer renommierten Privatklinik nach Bayern. Dort drängte sie auf Antibiotika-Infusionen – und bekam sie endlich. Geradezu schlagartig fühlte sie sich besser. Doch schon am nächsten Tag musste sie die Klinik verlassen, weil sie keine 10.000 Euro aufbringen konnte. Bald darauf „versagte mein Augenlicht mehr und mehr. Die Augenärzte meinten, durch die ständigen Augenentzündungen habe sich beidseitig eine Uveitis entwickelt“ – eine Entzündung des Augeninneren – darüber hinaus Grauer und Grüner Star. Wegen ständig wiederkehrender Glaukom-Anfälle musste ich immer wieder in eine Notfallklinik eingeliefert werden.“
Bis 2023 verschlechterte sich Cornelias Zustand weiter. „Ich war verzweifelt. Mein ganzer Körper war voller Entzündungen. Die Polyneuropathie verursachte unerträgliche Schmerzen, sodass ich nicht mehr gehen konnte.“ Antibiotika taten gut – doch nach wenigen Tagen kehrten die Beschwerden zurück.
Endlich Lichtblicke – nach 20 Jahren mit Neuroborreliose
Im November 2023 fand Cornelia endlich zu einem Arzt, der ihr entscheidend weiterhalf: ein Internist in Ostbayern. „Er machte mir deutlich, dass ich jahrelang fehlbehandelt worden war, was zu meinem bedauernswerten Zustand führte. Seine Worte brauchten mir nicht nur Erleichterung, sondern auch die dringend benötigte Hoffnung.“ Die Behandlung umfasste zwei Blutwäschen („Inuspheresen“), eine Hyperthermie sowie eine Schwermetall-Entgiftung, gegen hohe Quecksilberbelastung. „Dies brachte mir spürbare Erleichterung“ – endlich.
Weil Ostbayern für Cornelia zu weit entfernt ist, setzt sie die Behandlung seit Frühjahr 2024 bei einem Hamburger Arzt fort, der ebenfalls als Experte für Borreliose gilt. Dort erhält sie Infusionen, insbesondere von Antibiotika. Geplant sind drei weitere Blutwäschen. „Leider übersteigen die Kosten für die vollständige Behandlung und die damit verbundenen Ausgaben meine aktuellen finanziellen Möglichkeiten bei weitem“, bekennt Cornelia. Allein für eine Blutwäsche müsste sie rund 2.900 Euro aufbringen. Eine Kostenübernahme verweigert die Krankenkasse bisher vehement.
Erst recht zahlt die Krankenkasse nicht für ein alternatives Heilverfahren, das „bemerkenswerte Verbesserungen meiner Mobilität und meines Allgemeinbefindens herbeigeführt hat“: Osteopathie. Von dem amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still vor über 140 Jahren begründet, werden bei dieser eigenständigen, ganzheitlichen Form von Medizin mit bloßen Händen vielerlei Strukturen ertastet und beeinflusst, die in unserem Organismus unmittelbar oder indirekt miteinander zusammenhängen: seien es Muskeln, Knochen, Nerven, Blutgefäße, die inneren Organe oder die sogenannten Faszien – dünne Bindegewebshüllen, die jede Struktur umgeben und gemeinsam ein großes Ganzes bilden. Faszien verbinden selbst Strukturen, die funktionell nichts miteinander zu tun haben. Um optimal zu funktionieren, benötigt jedes Körperteil, jedes Organ ausreichende Bewegungsfreiheit. Ziel osteopathischer Behandlungen ist es, Blockaden und Gewebespannungen zu lösen und somit die Beweglichkeit wiederherzustellen. Cornelia tut dieser Ansatz enorm gut: „Meine Fähigkeit zu gehen, hat sich dadurch signifikant verbessert, meine Sehkraft ist stärker geworden, diverse Spannungen haben sich aufgelöst. So verschaffte mir die Osteopathie tiefe Entspannung und Erleichterung. Für mich von unschätzbarem Wert.“
Was haben die jahrelangen Behandlungen bisher alles in allem gebracht? „Ich bin nicht länger bettlägerig, mein Augenlicht habe ich zurückbekommen“, so zieht Cornelia Zwischenbilanz. „Ich schaffe es wieder, in den Zug zu steigen. Ich bin sogar wieder im Training mit meiner Professorin an der Oper – auch wenn ich mich noch nicht stabil fühle.
Von Heilung der Neuroborreliose noch weit entfernt
Trotzdem sind die Schmerzen weiterhin Cornelias ständige Begleiter, vor allem in der Halswirbelsäule, in den Schultern, im Beckenbereich, in den Beinen. Nach wie vor kann sie kaum laufen. Nach zehn Minuten gehen fühlen sich ihre Füße und Beine so extrem heiß an, als würden sie brennen. Ihr ist ständig schwindelig. Sie sieht schlecht, ist lichtempfindlich, ihr Sichtfeld ist eingeschränkt. Im linken Auge droht der Sehnerv abzusterben. „Gehirnneben“, brain fog, trübt ihr Denken. Inzwischen stehen weitere Krankheiten auf der langen Liste ihrer ärztlichen Befunde: von Hypercholesterinämie – eine Fettstoffwechselstörung, die den Cholesterinspiegel im Blut erhöht – über Hashimoto-Thyreoditis (eine chronische Autoimmunerkrankung der Schilddrüse) bis hin zur Makulaödemen, wobei sich Flüssigkeit in der Netzhaut sammelt, im Bereich des „Gelben Flecks“.
Cornelias Behinderungsgrad liegt bei 80%, mit Pflegestufe 2. Im verzweifelten Ringen um ihre Gesundheit hat sie inzwischen all ihre Ersparnisse aufgebraucht.
„Ich kämpfe weiter“
Aber Aufgeben kam für die bewundernswert tapfere Frau noch nie in Frage: „Ich kämpfe weiter. Denn ich will singen und kein Pflegefall sein. So schnell wie möglich möchte ich wieder in meinen Beruf zurückkehren, mein Leben endlich wieder unabhängig und selbstfinanziert führen und gestalten. Und wenn ich wieder Geld verdiene, möchte ich anderen Menschen helfen, wieder gesund zu werden.“
(Quelle Text: Dr. Harald Wiesendanger/Stiftung AUSWEGE Herzensfonds/Vorstand)